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Trade statt Aid

Dr. Stefan Liebing & Christoph Kannengießer (Vorsitzender & Hauptgeschäftsführer des Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft)

Ein Interview über die wirtschaftliche Perspektive Afrikas, deutsche Investoren und neue Flüchtlingswellen.

von Hermann Olbermann, erschienen im Rotary Magazin am 01.10.2016

 

Herr Liebing, die nächste große Flüchtlingswelle aus Afrika steht Europa noch bevor, haben Sie prognostiziert. Wie kommen Sie zu der Vorhersage?

 

Liebing: Zwei Faktoren spielen eine Rolle. Erstens das massive Wachstum der Bevölkerung. Wir erwarten, dass sich die Bevölkerung in Afrika bis 2050 auf etwa zwei Milliarden Menschen verdoppelt. Allein Nigeria wird in 30 Jahren mehr Einwohner haben als die USA und Russland zusammen. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass sich der gleiche Prozentsatz an Afrikanern nach Europa aufmacht wie bisher, hätten wir schon eine höhere absolute Zahl. Zweiter Faktor: Ab einem bestimmten durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen steigt die Zahl der Migranten zunächst. Das klingt überraschend. Aber wenn der Wohlstand wächst, können es sich mehr Familien finanziell leisten, ein Mitglied nach Europa zu schicken, damit es dort sein Glück macht und eine Ausbildung bekommt. Das heißt, dass wir trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung auf dem Kontinent zumindest in einer Übergangsphase mit deutlich mehr Menschen rechnen müssen, die versuchen, nach Europa zu kommen.

 

 

 

Herr Kannengießer, was ist zu tun?

 

Kannengießer: Migration aus Subsahara-Afrika ist in Deutschland ja aktuell kein großes Problem. Deutschland gehört aktuell nicht zu den ersten zehn Zielländern afrikanischer Flüchtlinge. Aber der Migrationsdruck in Richtung Europa wird wachsen, wenn Afrika nicht zügiger den Anschluss an die globale wirtschaftliche Entwicklung schafft. Je stärker wir diesen wirtschaftlichen Aufholprozess fördern und uns dies gelingt, umso größer ist die Chance, Migrationsprozesse vernünftig zu steuern.

 

Außer in Ostasien wächst die Wirtschaft in keiner Weltregion so stark wie in Afrika. Warum gibt es trotzdem so wenig Jobs?

 

Liebing: In der Tat, die Wachstums­raten sind mit die höchsten der Welt, aber auf einer sehr geringen Basis. Das momentane Wachstum reicht oft nicht, um die Wohlstandszuwächse zu erzielen, weil es teilweise wieder aufgefressen wird vom Bevölkerungswachstum. Wenn die Wirtschaft um vier Prozent wächst, die Bevölkerung aber um fünf Prozent, bleibt für den Einzelnen nicht viel übrig. Afrika braucht schon ein Wirtschaftswachstum mit annähernd zweistelligen Raten. Das gibt es in einigen Ländern, aber eben nicht allen. 

 

Welche afrikanischen Länder können denn als Vorbild dienen?

 

Liebing: Es gibt in den einzelnen Ländern Bereiche, die gut laufen, und welche, die schlecht laufen. In Äthiopien beispielsweise haben die aus­ländischen Investitionen enorm zugenommen, seit drei Jahren wächst die Wirtschaft dort jährlich zweistellig. Aber das politische System ist in vielen Fällen schwierig und sehr langsam. In Bezug auf wirtschafts­politische Reformen ist vermutlich Ruanda am spannendsten.

 

Kannengießer: Afrika – das sind 54 Länder. Man muss sich schon jedes einzeln angucken. Es gibt nicht den einen absolut richtigen Markt für alle Investitionen.

 

 

 

 

 

 

 

"Die nächsten Länder, die zu Schwellenländern aufsteigen, liegen in Afrika" - Dr. Stefan Liebing

 

Nur zwei Prozent der deutschen Ausfuhren gehen nach Afrika, nur zwei Prozent der deutschen Einfuhren kommen aus Afrika. Warum so wenig?


Liebing: Viele kennen Afrika nicht gut genug, verbinden es mit Krieg, Krankheiten, Korruption und fehlender Infrastruktur. All das ist auf dem Kontinent vorhanden, aber es gibt eben auch das Gegenteil. Erst jetzt beginnt Afrika verstärkt, sich zu einem Ziel für deutsche Unternehmen zu entwickeln. Bei den Handelszahlen liegt Afrika noch weit zurück, aber bei den deutschen Auslands­investitionen in Afrika stehen wir heute auch schon dort, wo wir in China gerade einmal vor etwa zehn Jahren standen. Damals war jedem klar, dass China der nächste wichtige Wachstumsmarkt ist. Und genau das gilt heute für Afrika, was die Investitionen dort betrifft.

 

Afrika – das neue Asien?


Liebing: Asien hat sich nicht durchgängig einheitlich entwickelt, Afrika wird es auch nicht. Aber die nächsten Länder, die zu Schwellenländern aufsteigen, liegen in Afrika. Ob es drei, fünf oder sieben sind, ob das in drei oder fünf Jahren geschieht und welche Länder das sein werden, kann man heute noch nicht mit letzter Gewissheit sagen. Das hängt stark davon ab, wie die jeweiligen Regierungen organisiert sind und welche Rahmenbedingungen sie für Investoren schaffen.

 

Frankreich und Großbritannien engagieren sich schon stärker in Afrika.

 

Kannengießer: Das hat auch historische Ursachen. Und es liegt daran, dass die deutsche Wirtschaft auch inter­national vom Mittelstand geprägt ist. Der ist schon stark gefordert durch das erfolgreiche Engagement in anderen wachstumsträchtigen Regionen der Welt. Die Kapazitäten, jetzt zusätzlich eine so komplexe Herausforderung wie Afrika anzugehen, sind begrenzt. Die relative Schwäche in Afrika ist also teilweise ein Reflex des Erfolgs in anderen Regionen. Aberder Blick auf Afrika ändert sich ja gerade, wenn die Veränderung auch noch zu langsam erfolgt.

 

Braucht Afrika da noch Entwicklungshilfe?


Liebing: Da muss man differenzieren. Bildung ist ein ganz zentraler Punkt. Ohne qualifizierte Arbeitskräfte wird es keine Investoren geben, ohne Investoren keine Jobs und ohne Jobs keinen Wohlstand.

 

Das ist aber keine neue Erkenntnis.


Kannengießer: Ich bin mir nicht sicher, ob das Unterstützen privater Investitionen, die Förderung von Existenz­gründern in den vergangenen Jahren wirklich der große Schwerpunkt der deutschen Entwicklungshilfe war. Trade statt Aid – wir brauchen diesen Paradigmenwechsel.

 

Liebing: Das Zweite ist, dass der deutsche Mittelständler sicherlich vorsichtiger ist, weil er weniger Kapazitäten und Instrumente hat als ein chinesischer Konzern, mit dem er in Afrika ja im Wettbewerb steht. Deshalb ist es wichtig, dass die Bundesregierung den Mittelständler unterstützt – mit entwicklungspolitischen Instrumenten, mit Garantien, mit Versicherungen und der Finanzierung von Projektvorlaufkosten. Die wirtschaftliche Entwicklung muss so beschleunigt werden, dass sie mit dem Bevölkerungswachstum standhalten kann. Das ist die mittelfristige Perspektive. Trotzdem gibt es Menschen, die heute kein sauberes Wasser haben, die jetzt keine Kranken­ver­sorgung haben, denen müssen wir natürlich sofort helfen. Dafür gibt es ja auch viele rotarische Projekte.

 

Kannengießer: Man sollte die Entwicklungszusammenarbeit nicht prinzipiell infrage stellen, aber man sollte sie neu denken. Dazu gehört, die künstlichen Grenzen zwischen Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit aufzuheben und ein internationales und deutsches unternehmerisches Engagement als das zu verstehen, was es ist: ein wirksamer Beitrag, in Afrika Arbeit und Wohlstand zu schaffen.

 

 

 

 

 

"Trade statt Aid, wir brauchen diesen Paradigmenwechsel." - Christoph Kannengießer

Fordern Sie Subventionen?

 

Liebing: Uns geht es nicht darum, Subventionen für deutsche Mittelständler zu fordern. 800 deutsche Unternehmen investieren schon in Afrika. Diese Zahl möchte ich verzehnfachen. Nach Afrika fließt weltweit betrachtet zehnmal so viel privates Geld wie Entwicklungsgeld. Vielleicht macht es ja mehr Sinn, einen Euro Entwicklungsgeld so einzusetzen, dass dann jeweils zehn Euro privates Geld fließen. Wir brauchen Unterstützung dort, wo der deutsche Mittelständler die Risiken nicht alleine auf sich nehmen kann. Afrikaner schätzen ja das Engagement deutscher Unternehmen, schätzen, dass sie anständig mit den Leuten umgehen, dass sie auf hohe Standards in der Qualität und der Arbeitssicherheit achten, was viele Investoren auf dem Kontinent nicht machen.

 

Die Chinesen investieren ja verstärkt in Afrika, stehen aber oft in der Kritik.


Liebing: Viele Standards, insbesondere die sozialen, sind bei chinesischen Unternehmen geringer. Viele Afrikaner haben das auch erkannt, aber gleichzeitig kommen fast jede Woche afrikanische Regierungsvertreter nach Deutschland und erzählen uns, dass sie bei vielen Ausschreibungen nur zwischen chinesischen Unternehmen auswählen können, weil die Deutschen sich nicht bewerben, weil sie für Großprojekte oder für die Funktion als Generalunternehmer nicht die Kapazitäten haben. Deshalb wäre zu überlegen, ob wir nicht näher an die Chinesen heranrücken sollen: deutsche Technologie und Standards und arbeitsintensive Produktion aus China zusammenführen. Das ist sinnvoller, als sich zurückzuziehen und darüber zu schimpfen, dass die Chinesen Afrika erobern.

 

Wir sollen helfen, Afrikas Wirtschaft zu entwickeln. Gleichzeitig sagen Sie: Mit steigendem Wohlstand in Afrika wächst die Zahl der Afrikaner, die nach Europa aufbrechen. Wie lösen Sie das Dilemma?


Liebing: Wir haben nur eine Option: Wir müssen die Kurve durchwandern, desto schneller nimmt die Zahl der Migranten wieder ab. Und wenn es Menschen gutgeht, tendieren sie auch dazu, weniger Kinder zu bekommen. Die Alternative wäre ja: die Leute so arm zu halten, dass sie es sich nicht leisten können, sich auf den Weg zu machen. Das kann ja niemand ernsthaft wollen.