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Afrika - das grüne Kraftwerk von morgen

Von Nadja Haakansson, Africa Managing Director bei Siemens Energy

Etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Afrika und doch hat fast die Hälfte der Bevölkerung keinen Zugang zu Elektrizität. Dabei ist das ungenutzte Potenzial an erneuerbaren Energien in Afrika immens und könnte mehr als 10 Terawatt an Strom erzeugen. Dieses Potenzial sollte nicht vergeudet werden. Die effektive Nutzung der immensen Energieressourcen könnte die Energiearmut von über 600 Millionen Menschen auf dem Kontinent lindern und gleichzeitig Europa und andere Regionen mit sauberer Energie versorgen.


Die geopolitischen Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine haben die Welt erschüttert und viele europäische Länder gezwungen neue Prioritäten in der Energieversorgung zu setzen. Die Sicherheit der Energieversorgung steht für westliche Ländern nun auf der Agenda ganz oben.


Das Zusammenspiel dieser Effekte bietet Afrika die Chance, die Entwicklung im Energiebereich zu beschleunigen. Zu lange wurde die Entwicklung Afrikas übersehen, unterschätzt oder ausgenutzt. Oft wird die Entwicklung der afrikanischen Energiewirtschaft nur unter dem Gesichtspunkt des Exports oder der Entwicklungshilfe betrachtet.


Die Entwicklung der Energieinfrastruktur kann im Einklang mit SDG 7 ein Katalysator für Wirtschaftswachstum sein und damit einhergehend Arbeitsplätze schaffen und Investitionen anziehen, beispielsweise durch steigenden Handel und globale Wettbewerbsfähigkeit.


Das Ziel besteht nicht nur darin, die Energiesicherheit zu gewährleisten, sondern auch Afrika einen Weg zum nachhaltigen Energieexporteur zu eröffnen und gleichzeitig das sozioökonomische Wachstum zu stimulieren. Ein ganzheitlicher Ansatz kann langfristig die Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit der Energieversorgung sowie das Wirtschaftswachstums auf dem afrikanischen Kontinent unterstützen. Das wäre eine wirklich gerechte Energiewende.


Das erklärte Ziel ist es, 100 Prozent kohlenstofffreie Energie zu erreichen. Aber das lässt sich nicht über Nacht erreichen, weshalb wir anerkennen sollten, dass Erdgas ein zentraler Bestandteil der Energiewende ist. Erdgaskraftwerke stoßen fast 50 Prozent weniger CO2 aus als Kohlekraftwerke. Der Umstieg auf Erdgas kann also schon ein großer Schritt nach vorn sein.


Im Gegensatz zu Kohle- oder Ölkraftwerken, die in der Zukunft wahrscheinlich zu "stranded assets" werden, kann die Stromerzeugung mit Erdgas ein gangbarer Weg für die Energiewende sein, da jetzt kohlenstoffärmeres Erdgas und in der Zukunft sauberer grünen Wasserstoff verwendet wird. Wir verfügen bereits heute über Turbinen, die 75 Prozent grünen Wasserstoff verbrennen können. Bis 2030 werden unsere Gasturbinen zu 100 Prozent wasserstofftauglich sein.


Es ist jetzt an der Zeit, die reichhaltigen erneuerbaren Ressourcen des Kontinents zu nutzen, insbesondere die Sonnen- und Windenergie. Vor allem in Nordafrika und der Sahelzone werden die Windressourcen noch nicht ausreichend genutzt. Zudem ermöglicht die geographische Nähe einen effizienten Energietransport des Ökostroms von Nordafrika nach Europa.


Das Potenzial Afrikas, grüne Elektronen und Moleküle zu exportieren, ist offensichtlich und Vorreiter wie Marokko, Ägypten, Namibia und Südafrika werden wohl bald Wasserstoff und seine Derivate exportieren.


Die Entwicklung der damit verbundenen Industrien könnte die industrielle Entwicklung Afrikas beschleunigen. Mit einer integrierten Ausrichtung der Rahmenbedingungen auf die Energiewende könnte eine Welle neuer Investitionen in nachhaltige Energie in Afrika ausgelöst werden. Dies könnte das regionale Wirtschaftswachstum bis 2050 um 6,4 Prozent ankurbeln, wie eine Analyse der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) in Zusammenarbeit mit der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) Anfang des Jahres ergab.
Mangan, Kupfer, Lithium, Kobalt, Chrom und Platin gehören zu den Rohstoffen, die auf dem Kontinent vorkommen und die für erneuerbare Energien und kohlenstoffarme Technologien wie elektrische Batterien und Windturbinen von entscheidender Bedeutung sind. Die Nutzung erneuerbarer Energien kann dazu beitragen, die CO2-Kosten für diese wichtigen Rohstoffe zu senken. Die Steigerung der Wertschöpfung durch die Verarbeitung von Rohstoffen und den Aufbau einer lokalen Produktion ist ein klares Ziel, erfordert aber eine solide Energieversorgung.


Oberste Priorität hat die Elektrifizierung der Haushalte, um sicherzustellen, dass Afrika in der Lage ist, Energie zu erzeugen, um den Bedarf der eigenen Bevölkerung zu decken. Darüber hinaus birgt der intraregionale Handel in Afrika ein großes Expansionspotenzial, welches durch den Einsatz und die Ausweitung von Technologien, Dienstleistungen und Strom aus erneuerbaren Energien gefördert werden könnte. All dies wird die regionale Beschäftigung und Bildung fördern.


Ein wichtiges Instrument zur Erschließung des vollen Potenzials ist die panafrikanische Integration, die von der Afrikanischen Union und dem Afrikanischen Kontinentalen Freihandelsabkommen unterstützt wird und den Ländern die Möglichkeit bietet, ihr Wachstum zu steigern, die Armut zu verringern und die wirtschaftliche Teilhabe zu erweitern. Es sind Anpassungen in den Bereichen Politik, Besteuerung, Preisgestaltung und Gesetzgebung erforderlich, um in ganz Afrika einheitliche Regelungen zu schaffen, die den Handel erleichtern. Im Hinblick auf den Vereinheitlichungsprozess ist bereits viel erreicht worden, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns.


Afrikas Aussichten, sich zu einem Zentrum für grüne Energie zu entwickeln, hängt davon ab, ob ein attraktives und verlässliches Investitionsumfeld entwickelt, Handelspolitiken zur leichteren Umsetzung von erneuerbaren Energien eingeführt und neue Technologien einbezogen werden. Die afrikanischen Regierungen müssen dafür sorgen, dass transparente und Anreize schaffende Rahmenbedingungen geschaffen werden, und der Privatsektor muss sich ambitioniert engagieren.


Wir werden nur dann bedeutende und sinnvolle Fortschritte erzielen, wenn wir zusammenarbeiten, das Potenzial nutzen und so schnell wie möglich konkrete Projekte auf den Weg bringen.