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Afrika nach Corona: „Nach der Krise werden die Karten neu gemischt“

Prof. Gabriel J. Felbermayr, Ph.D., im Gespräch mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft

Herr Felbermayr, welche Folgen wird die Corona-Krise mittel- bis langfristig für die deutsch-afrikanischen Wirtschaftsbeziehungen haben?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer abzuschätzen. Kurzfristig kommt es zu ei­nem dramatischen Einbruch des Handels und es ist nicht klar, ob es zu einer schnellen Erholung nach Abflauen der akuten Krise kommen kann. Die afrikanischen Länder sind den makroökonomischen Verwerfungen der Corona-Krise besonders schutzlos ausgeliefert. Daher hat Europa eine besondere Verantwortung, den Nachbarkontinent so zu unterstützen, dass es schnell zu einem nachhaltigen Aufschwung kommt. Das ist in beiderseitigem Interesse. Denn langfristig bietet die Krise eine große Chance, die europäisch-afrikanischen Wirtschaftsbeziehungen deutlich zu beleben. Wir müssen mit einer Neuorganisation des Welthandelssystems rechnen, in dem bisher wenig genutzte Handelsbeziehungen gestärkt und bisher stark genutzte geschwächt werden. Es liegt in der Hand der europäischen und afrikanischen Unternehmen und ihrer Regierungen, die Krise für einen Neuanfang zu nutzen.

Die Krise hat gezeigt, dass globale Lieferketten deutsche Firmen vulnerabel machen. Wäre es jetzt an der Zeit für unsere Firmen, Lieferketten zu diversifizieren?

Ich gehe davon aus, dass viele Unternehmen durch den Schock der Corona-Krise neu über ihre Lieferketten nachdenken und diese so reorganisieren, dass sie widerstandsfähiger werden. Das kann einerseits durch eine höhere Lagerhaltung an den Produktionsstandorten geschehen, andererseits aber auch durch eine Diversifizierung der Beschaffungskanäle. Natürlich werden auch weiterhin Produktionskosten und Qualität eine absolut zentrale Rolle spielen.

Wie sehen Sie die Chancen für afrikanische Märkte, sich als Zulieferer verdient zu machen?

Afrikanische Unternehmer haben nach der Krise sicherlich die Chance, sich als Alternativen zu asiatischen Lieferanten zu positionieren. Die geographische Nähe und die kürzere kulturelle Distanz sollten hier hilfreich sein. Ich würde aber vor übertriebenem Optimismus warnen. Die Krise kann politische Strukturen in Afrika destabilisieren, was auf die Qualität der Institutionen, der Rechtssicherheit zum Beispiel, schädlich wirken würde. Auf jeden Fall werden nach der Krise die Karten neu gemischt, und europäische wie afrikanische Partner werden gut daran tun, die neuen Möglichkeiten, miteinander ins Geschäft zu kommen, genau auszuloten.

Wie könnten die Rahmenbedingungen hierfür optimiert werden und welche Branchen halten Sie für besonders geeignet?

Um afrikanische Länder stärker in die europäischen Wertschöpfungsketten einzubinden, sind vor allem verbesserte Institutionen in Afrika von zentraler Bedeutung. Das war schon vor der Corona-Krise klar, und gilt auch danach. Deutschland sollte mit einer Modernisierung und entwicklungspolitischen Anpassung der Exportkreditversicherungsinstrumente und der Investitionsgarantie des Bundes Begleitschutz anbieten. Auch das war schon vor der Krise wichtig, wird aber nach der Krise umso zentraler sein. Branchen mit besonderem Potenzial sind nach wie vor die Textilindustrie, der Lebensmittelbereich, aber auch der Sektor der erneuerbaren Energie. Afrika könnte in Zukunft auch eine größere Rolle beim technologiegestützten Dienstleistungshandel spielen.

Wie kann die deutsche Wirtschaft afrikanische Staaten bei der Ausweitung lokaler Produktion unterstützen?

Schon vor der Krise war klar, dass Afrika vor allem einen Technologietransfer braucht. Damit sind nicht nur Produktionsprozesse gemeint, sondern die Gesamtheit mikroökonomischer Institutionen, die produktivitätsfördernd wirken. Die deutsche Wirtschaft fördert Afrika dann am besten, wenn sie mit Investiti­onen ihre effizienten Geschäftsmodelle nach Afrika exportiert. Dazu gehört auch das duale Ausbildungssystem. Dieses Argument wurde vor Corona häufig gemacht; die Krise macht es nicht weniger richtig.

Experten fordern neue finanzpolitische Instrumente, um Unternehmen und Regierungen in Afrika zu stützen. Andere sehen in dem vom IWF beschlossenen Schuldenerlass für die am meisten verschuldeten Staaten – darunter einige CwA-Partnerländer wie Benin, Burkina Faso, Guinea, Ruanda und Togo – einen Lösungsansatz. Was wären Ihrer Ansicht nach kurzfristige Maßnahmen, die von der internationalen Gemeinschaft und auch von Deutschland getragen werden sollten?

Es ist klar, dass viele afrikanische Staaten schon vor der Krise ein Schuldenproblem hatten. Dabei sind die wahren Verschuldungsgrade in den offiziellen Statistiken gar nicht sichtbar. In aktueller Forschung zeigen Kollegen am Institut für Weltwirtschaft in welch großem Ausmaß sich afrikanische Länder versteckt China gegenüber verschuldet haben. Für eine Lösung der Verschuldungs­probleme in Afrika ist daher das Mitwirken Chinas unabdingbar. Die vorübergehende Befreiung vom Schuldendienst, wie vom IWF angeboten, reicht hierbei sicher nicht. Die Wirtschaftsgeschichte bietet leider ziemlich eindeutige Erkenntnisse: Überschuldung, sei es des öffentlichen oder des privaten Sektors, ist eine schwere Hypothek für das Wirtschaftswachstum der Zukunft.

Das BMZ reagierte bereits Ende März auf COVID-19 und kündigte Maßnahmen in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Afrika an, darunter Ausweitungen des Programms develoPPP.de und des AfricaConnect-Fonds. Reicht das aus, oder sehen Sie weitere Handlungsempfehlungen gegenüber der Bundesregierung?

Um Afrika nach der Krise wirtschaftlich schnell wieder auf die Beine zu verhelfen, reichen die entwicklungspolitischen Anstrengungen nicht. Die Bundesregierung sollte sich dringend in ihrer Afrikastrategie viel stärker mit den anderen Staaten Europas und mit den USA zusammentun. Die gegenwärtige Fragmentierung führt zu problematischem strategischem Verhalten sowohl der afri­kanischen Staaten, die versucht sind, ihre Partnerländer gegeneinander auszuspielen, und der Geberländer, die stets Sorge haben, dass ihre entwicklungspolitischen Anstrengungen anderen Ländern zugutekommen. Innerhalb Deutschlands ist es von allergrößter Bedeutung, die entwicklungspolitische und die wirtschaftspolitische Zusammenarbeit zu verbessern. Dabei denke ich vor allem an die Instrumente der Handelskreditversicherung, oder der Investitionsgarantien.

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen will die Europa-Afrika-Beziehungen 2020 „auf die nächste Ebene“ bringen. Beim Gipfeltreffen mit der Afrikanischen Union soll im Oktober dieses Jahres eine neue gemeinsame Strategie mit den folgenden Schwerpunkten verabschiedet werden: Grüne Wende, digitaler Wandel, nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung, Frieden und Governance, Migration und Mobilität. Müssen die EU-Pri­oritäten für die kommenden Jahre nun überdacht werden?

Europa wird in den nächsten Jahren vermutlich sehr viel Geld in den eigenen wirtschaftlichen Wiederaufbau stecken müssen. Dieser soll nach den sich anbahnenden Kompromissen ein ökologischer sein. Hier stecken riesige Chancen für die europäisch-afrikanische wirtschaftliche Kooperation. Es ist offensichtlich, dass eine erfolgreiche Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft den Import großer Mengen sauberer Energie erfordert. Diese Energie, etwa in Form von Wasserstoff, muss auch aus Afrika stammen. Europa sollte sich im großen Stil mit industriellen Pilotprojekten in Afrika engagieren. Diese Investitionen hätten eine doppelte Dividende: Sie erlauben eine kosteneffiziente Energiewende und die damit verbundenen wirtschaftlichen Chancen in Afrika werden auch für europäische Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten eröffnen.

Prof. Felbermayr ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Afrika-Vereins.

Das Interview erscheint in der Ausgabe 2/2020 unseres Magazins "afrika wirtschaft".