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Afrika neu begegnen

Grußwort von Bundespräsident a.D. Prof. Dr. Horst Köhler

Die politische Aufmerksamkeit für Afrika wächst. Achtmal bereiste die Bundeskanzlerin den Kontinent in den letzten fünf Jahren. Ein halbes Dutzend Bundesministerien hat Afrika-Strategien – so viele, dass ich in Afrika darüber bisweilen Verwirrung feststelle. Allerdings wird Afrikapolitik – nicht nur in Deutschland
– noch immer häufig in einem Atemzug mit „Fluchtursachenbekämpfung“ genannt. Und noch immer erscheint Afrika als Objekt unserer wohlwollenden Fürsorge. Das ist ein viel zu enger Blick. Europa muss Afrika neu begegnen: mit einer Haltung, die diesem Kontinent Respekt erweist und ihn endlich als eigenständiges politisches Subjekt versteht; mit eigenen Visionen und eigener Verantwortung, mit eigenem Handlungswillen und eigenen Handlungsoptionen.


Wissen wir hierzulande genug über afrikanische Realitäten, über die politischen Institutionen, Vorhaben, Diskussionen, über die kulturellen Selbstfindungsprozesse, die derzeit im Gang sind? Nehmen wir unsere europäische Verantwortung ausreichend wahr, die der afrikanischen Verantwortung für eine gute Zukunft des Kontinents gegenübersteht – zum Beispiel bei der Unterstützung für die Schaffung von Arbeitsplätzen in Afrika? Wo bleiben eigentlich die langfristigen Investitionsstrategien der deutschen und europäischen Wirtschaft in Afrika?


Aktuell entfallen nicht einmal ein Prozent der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen auf Afrika. Gerade unsere großen Unternehmen sind dort vergleichsweise wenig präsent. Nun empfehle ich keinem, aus Idealismus in Afrika zu investieren. Aber ich bin überzeugt, der „Exportweltmeister Deutschland“ sollte sich angesichts der geopolitischen Verwerfungen besser früher als zu spät die Frage stellen, wo neue Zukunftsmärkte entstehen. Mit der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone AfCFTA entfaltet sich das Potenzial eines Binnenmarktes mit weit über einer Milliarde
Menschen vor der europäischen Haustür. In Afrika nur verkaufen zu wollen, reicht jedenfalls nicht aus. Es ist auch keine Strategie, darauf zu warten, bis dort alle Investitionsbedingungen ideal sind und die kaufkräftigen Mittelschichten groß genug. Aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte wissen wir, dass sich Unternehmen im Ausland häufig in Clustern organisieren. Mittlere und kleinere Unternehmen folgen dabei den Großen. In Afrika ist eine solche Führungsrolle großer deutscher Unternehmen noch nicht erkennbar.

Afrika und Europa sind durch Geschichte und Geographie in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden. Europa muss deshalb jetzt auch der erste Anwalt dafür sein, dass Afrikanern voller und zeitgerechter Zugang zu COVID-19-Impfstoffen ermöglicht wird. Es liegt in Europas ureigenem Interesse, dass Afrika
die sozialen und ökonomischen Folgen der Pandemie überwinden und zu einem neuen Wachstumspol der Weltwirtschaft werden kann. Und schließlich gehört zum nötigen Kulturwandel in Europas Afrikapolitik auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe. Die jüngst von Deutschland angekündigte Rückgabe von Benin-Bronzen ist ein Schritt in die richtige Richtung.


Unsere beiden Kontinente können gemeinsam neue Wege finden in den großen Suchprozessen unserer Zeit – ob in Fragen einer gerechteren Gestaltung der Globalisierung, einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise oder bei der Nutzung der Chancen der digitalen Revolutionen. Dann könnte die afrikanisch-europäische Partnerschaft auch ein Leuchtturm für die Weltpolitik im 21. Jahrhundert sein.