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"Moderne Technologien können zum Wirtschaftswachstum beitragen"

Foto: © Salvadore Brandt

Juliana Rotich, kenianische IT-Expertin und diesjährige Preisträgerin des Deutschen Afrika-Preises, im Gespräch mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft

 

 

Nach Ihrer Nominierung durch den Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft bekommen Sie im Herbst den Deutschen Afrika-Preis verliehen. Herzlichen Glückwunsch!

 

Vielen Dank. Die Nominierung kam total überraschend und es bedeutet mir viel, für diesen Preis ausgewählt worden zu sein. Der Deutsche Afrika-Preis ist sehr prestigeträchtig und ich fühle mich geehrt. Diese Auszeichnung ehrt mich und all jene, mit denen ich in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet habe. Die meisten Unternehmen sind ja nicht wegen der Arbeit einer einzelnen Person erfolgreich. Außerdem ehrt sie all die Organisationen, mit denen ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe und die, mit denen ich heute zusammenarbeite. Und der Preis ehrt Kenia als ein afrikanisches Land, das mit aller Kraft versucht eine Zukunft zu schaffen, in der es mehr Möglichkeiten für junge Leute gibt. Ich fühle mich also auf vielen Ebenen privilegiert und geehrt: Als Kenianerin, als Afrikanerin und als Frau im IT-Bereich. Ich hielt mich immer eher für einen Nerd. In der Schule gehörte ich nicht zu den coolen Kids, sondern hockte stundenlang in der Bibliothek. Dieser Preis zeichnet auch die Nerds aus und dafür bin ich sehr dankbar.

 

2007 haben Sie die Open Source-Plattform Ushahidi mitgegründet – mit dem Ziel, den weltweiten Informationsfluss zu revolutionieren. Was heißt das konkret?

 

„Ushahidi“ ist Swahili und heißt auf deutsch „Zeuge“ oder „Zeugnis“. Unsere Idee war es, die Menschen zu befähigen, sich gegenseitig darüber zu informieren, was gerade in ihren jeweiligen Ländern passiert. Daraus ist eine Tech-Plattform mit Open-Source-Software geworden, mit der Informationen aus SMS, Email, dem Internet und Social Media gesammelt werden können. Diese Informationen werden auf einer Karte zusammengefasst, so dass Nutzer beinahe in Echtzeit sehen können, was wo vor sich geht. Und das ist nur eine der Platformen von Ushahidi. Ushahidi selbst ist eine Organisation für Innovation, die verschiedene Open-Source-Tools wie das eben erwähnte entwickelt. Als Unternehmen war Ushahidi maßgeblich daran beteiligt, in Kenia die Grundlage für innovatives Arbeiten zu schaffen – durch die Mitgründung des iHubs.

 

Welchen Einfluss hat Ushahidi auf aktuelle Ereignisse - zum Beispiel auf den Ablauf von Wahlen?

 

Noch vor zehn Jahren wurde die Stimme der Menschen in Kenia und anderswo nicht unbedingt einbezogen, wenn Entscheidungen getroffen wurden. Das liegt daran, dass der Informationsfluss im Großen und Ganzen einseitig und von oben nach unten erfolgt. Ushahidi bezieht jeden in den Informationsfluss ein. Den vielen Menschen mit Mobiltelefonen wird ein Kanal zur Verfügung gestellt, über den sie mitteilen können, was gerade vor sich geht – auch bei Wahlen oder in Krisenzeiten. Eine der spannendsten Anwendungen der Ushahidi-Plattform erfolgte rund um die Wahlen in Nigeria. Es entstand eine großartige Website namens reclaimnaija.net, auf der NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen Wähler umfassend informierten. So wurden die Leute etwa informiert, wenn ein Wahllokal nicht planmäßig geöffnet hatte oder wenn etwas mit den dort ausgehändigten Wahlunterlagen nicht stimmte. Im Wesentlichen konnten Nutzer den Behörden unbürokratisch mitteilen, wenn etwas nicht stimmte und Hilfe durch Behördenmitarbeiter anfordern. In ähnlicher Weise wurde Ushahidi bereits in Sambia, Panama und zahlreichen anderen Ländern genutzt. Dennoch ist Technologie nicht der einzige entscheidende Faktor für den reibungslosen Ablauf einer Wahl. Es braucht Institutionen und Organisationen, die diese Technologie nutzen, um einen Informationsfluss zu schaffen und den Menschen verdeutlicht, dass der angestoßene Prozess tatsächlich auf ihre Bedürfnisse eingeht.

 

Sie haben gerade Panama erwähnt. Wird Ushahidi also auch außerhalb des afrikanischen Kontinents genutzt?

 

Ja, es ist eine globale Plattform, die überall auf der Welt zum Einsatz kommt. Wir haben mit Kenia begonnen, aktuell wird Ushahidi in mehr als 150 Ländern auf der ganzen Welt genutzt. Da wir Open Source sind, ist die Plattform für jedermann zugänglich. Und wir waren geradezu besessen von einer möglichst großen Reichweite. Um sicherzustellen, dass Ushahidi nicht nur auf Englisch verfügbar ist, verwendeten wir Übersetzungstools. Heute ist die Plattform in 38 Sprachen verfügbar.

 

Neben Ushahidi haben Sie vor einigen Jahren auch BRCK Inc. mitgegründet. Was macht BRCK?

 

Als wir mit BRCK anfingen, ging es uns darum, stabil online zu bleiben. Damals, um das Jahr 2012 hatten wir in Kenia noch häufig mit Stromausfällen zu kämpfen, glücklicherweise hat sich das in der Zwischenzeit deutlich verbessert. Heute entwickeln wir nicht nur robuste Router für herausfordernde Umgebungen, sondern kreieren auch Schulungspakete, mit denen Unterrichtsinhalte für Schulen in schwer erreichbaren Gegenden bereitgestellt werden können. Vor kurzem haben wir begonnen, WLAN-Hotspots in ganz Afrika bereitzustellen. Seit Februar dieses Jahres ist BRCK außerdem der größte öffentliche WLAN-Anbieter in Subsahara-Afrika.

 

Was hat IT für Sie mit nachhaltiger Entwicklung zu tun? Und wie können Kenia und andere afrikanische Länder moderne Technologien nutzen, um wirtschaftlich voranzukommen?

 

Wie ich bereits erwähnte, ist Technologie allein nicht der Schlüssel zum Fortschritt. Es erfordert Menschen und Organisationen, die moderne Technologien so einsetzen, dass sie der Gesellschaft zugute kommt. Wenn wir Nachhaltigkeit in Bezug auf wirtschaftliches Wohlergehen und Wachstum betrachten, ist es wichtig, darüber nachzudenken, wie Technologie viele Dinge effizienter machen kann. Der Motor der meisten Volkswirtschaften sind kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU). Auch in Deutschland wird ja ein Großteil des Wachstums von KMU getragen. Das ist eine wichtige Lektion für Kenia und andere afrikanische Länder.

 

M-Pesa und zahlreiche andere afrikanische Technik-Errungenschaften wurden in Kenia entwickelt. Wie hat es Kenia geschafft, der Hotspot der afrikanischen IT-Szene zu werden?

 

In Kenia leben viele Menschen mit einem starken unternehmerischen Antrieb. Die Leute hier arbeiten hart und sind innovativ. Wir haben eine Kultur des Unternehmertums. Wir legen großen Wert auf Innovation und versuchen, ein produktives Umfeld zu schaffen. Außerdem haben wir uns immer auch mit dem Rest der Welt vernetzt. Viele der kenianischen Errungenschaften wie M-Pesa wurden vor rund zehn Jahren erdacht. Das ist kein Zufall. Etwa zur gleichen Zeit wurden Glasfaserkabel in Kenia verlegt, was uns einen gewaltigen Schritt nach vorne gebracht hat.

 

In Deutschland ist die IT-Szene bisher weitgehend männerdominiert. Wie haben Sie es geschafft, als Frau so erfolgreich im IT-Bereich zu werden?

 

Als ich aufwuchs, besuchte ich hier in Kenia eine weiterführende Schule, die über ein Informatiklabor verfügte – das landesweit erste an einer Schule. Das war sehr ermutigend. Ich war damals 12 oder 13 Jahre alt und hatte zu Hause keinen Zugang zu einem Computer. Heute nehmen fast alle Schulen in Kenia am staatlichen Programm zur Förderung digitaler Kompetenz teil, das ist ebenfalls hilfreich. Und Firmen wie Safaricom bieten spezielle Programme für Frauen, die im Technologie-Bereich arbeiten, an. Damit Frauen in der IT-Szene gedeihen können, ist es wichtig, ein soziales Umfeld zu schaffen, das alle mit einbezieht.

 

Nach Ihrem Schulabschluss haben Sie in den USA Informatik studiert. Sie arbeiteten in einer UN-Expertenkommission mit, sind Director’s Fellow am MIT Media Lab in Massachusetts und Young Global Leader beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Wo ist Ihr Zuhause?

 

Definitiv in Kenia. Ich lebe in Nairobi und arbeite gerade an meinem vierten Start-up. Wir entwickeln eine Plattform, die KMU unterstützen soll und ich freue mich schon, mich darüber mit potenziellen Investoren zu beraten, wenn ich im Herbst nach Berlin komme.

 

Juliana Rotich ist eine kenianische IT-Unternehmerin und leitet mehrere Unternehmen. Sie ist Vorstandsmitglied des Entwicklungsprogramms Kenya Vision 2030, der Lemelson Foun- dation und weiterer Organisationen. Rotich absolvierte ein Informatikstudium an der Universität in Missouri und war bis Ende 2018 Regionalleiterin Ostafrika von BASF. 2011 wurde sie auf dem Weltwirtschaftsforum zum Social Entrepreneur of the Year in Africa gekürt.

 

Mit dem Deutschen Afrika-Preis ehrt die Deutsche Afrika-Stiftung seit 1993 herausragende Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise nachhaltig für Demokratie, Frieden, Menschenrechte, Kunst und Kultur, soziale Marktwirtschaft und gesellschaftliche Belange auf dem afrikanischen Kontinent einsetzen. Die Auswahl der PreisträgerInnen erfolgt durch eine unabhängige Jury und soll ein differenziertes Afrikabild widerspiegeln und zur weiteren Befassung mit dem Kontinent und seinen Menschen anregen.