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"Wir wollen deutschen Unternehmen den Markteintritt in Afrika erleichtern"
 

Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz im Gespräch mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft

 

Herr Scholz, Sie waren jüngst in China. Gemeinsam mit Bundesbank-Chef Jens Weidmann wollten Sie u.a. erörtern, wie chinesische Infrastrukturinvestitionen im Ausland – auch auf dem afrikanischen Kontinent – besser mit deutschen Vorhaben abgestimmt werden könnten. Zu welchem Ergebnis kamen Sie?


Beim zweiten Deutsch-Chinesischen Finanzdialog Mitte Januar in Peking ging es vor allem darum, die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland im Finanzbereich zu vertiefen. Insbesondere beim Ziel der gegenseitigen Marktöffnung sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Als weiteres Thema haben wir über die internationale Verschuldung gesprochen. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern mit den dort vorherrschenden niedrigen Einkommen müssen große Infrastrukturvorhaben solide finanziert sein, um neue Schuldenkrisen zu vermeiden und Entwicklungserfolge nicht zu gefährden. China zählt in diesen Regionen mittlerweile zu den größten Kreditgebern. Daher sind faire Standards und mehr Schuldentransparenz wichtig. Davon profitieren auch deutsche Projekte.
 
Während China ein Megaprojekt nach dem anderen auf dem afrikanischen Kontinent lanciert, halten sich deutsche Unternehmen, insbesondere der Mittelstand, noch zurück. Worauf führen Sie das zurück?

Tatsächlich ist der Beitrag chinesischer Unternehmen für den Aufbau der Infrastruktur auf dem afrikanischen Kontinent enorm. Gleichzeitig tauchen aber oft – und zu Recht – Fragen auf bezüglich der Nachhaltigkeit und Finanzierung solcher Megaprojekte. Deutsche Firmen agieren in Afrika im Schnitt ganz anders, insbesondere was die Größe, die Geschäftsfelder und die Risikoeinschätzung von Investitionsprojekten betrifft. Es ist gut, dass sich immer mehr deutsche Unternehmen für Afrika als Produktionsstandort und Absatzmarkt interessieren. Das zeigt, dass die Partnerländer dort mit ihren Strukturreformen auf dem richtigen Weg sind.
 
Die Kritik an Chinas Kreditvergabe in Afrika nimmt zu. Geht es nach Ihnen, soll China die Finanzierungen offenlegen. Wie wollen Sie das erreichen?

Die wichtigsten Gläubigerländer haben sich zusammengeschlossen im Pariser Club. China nimmt zwar regelmäßig an ausgewählten Sitzungen des Clubs teil, ist dort bisher aber nicht Mitglied. Ich fände es gut, wenn China in dem Gremium eine noch aktivere Rolle übernimmt und mittelfristig auch Mitglied des Pariser Clubs werden würde. Eine wichtige Bedeutung bei dieser Frage spielen auch die G20-Staaten. Sie haben im Jahr 2017 Leitlinien für die Kreditvergabe an und die Kreditaufnahme von Ländern mit niedrigen Einkommen beschlossen, die nun aber noch in die Tat umgesetzt werden müssen. Daran arbeiten wir in der G20 gemeinsam mit der Weltbank und dem IWF. China ist da ein wichtiger Partner.Beim G20 Investment Summit hat Bundeskanzlerin Merkel einen Entwicklungsinvestitionsfonds für kleine und mittlere Unternehmen angekündigt. 

Was hat es damit auf sich und wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Mit diesem Fonds wollen wir über einen Zeitraum von drei Jahren mit einer Milliarde Euro Handel und Investitionen vorrangig in afrikanischen Ländern fördern, die sich am Compact with Africa beteiligen. Das Projekt besteht aus drei Komponenten und soll im Laufe dieses Jahres starten. Über den Investitionsfonds AfricaConnect wollen wir es insbesondere deutschen Unternehmen erleichtern, trotz bestehender Risiken den Markteintritt in Afrika zu wagen. Beispielsweise indem wir die Finanzierung von Darlehen und Beteiligungen für Investitionen mittelständischer Unternehmen dort fördern. Zum zweiten wollen wir das Wirtschaftsnetzwerk Afrika für kleine und mittlere Unternehmen ausbauen und damit Unternehmen effektiver unterstützen, wenn sie den afrikanischen Markt betreten. Ich kenne viele Berichte auch Ihrer Mitglieder, die schildern, wie hoch gerade für Mittelständler der Aufwand bei der Markterschließung ist aufgrund schwieriger Rahmenbedingungen. Drittens sollen mit dem Investitionsfonds AfricaGrow afrikanische Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial vorrangig in den Ländern mit Eigenkapitalfinanzierung unterstützt werden, die dem Compact with Africa angehören. Hinzu soll auch eine betriebswirtschaftliche Beratung treten. Auch hier können sich über inter-afrikanische Wertschöpfungsketten Partnerschaften zu deutschen Unternehmen entwickeln.

Was würden Sie einem Mittelständler raten, der noch mit dem Schritt nach Afrika hadert?

Afrika ist sicherlich kein ganz einfacher Kontinent, aber in vielen Ländern dort bieten sich schon heute große Chancen. Wir beobachten in verschiedenen Staaten eine hohe Reformdynamik. Die G20 wollen im Rahmen des Compact with Africa helfen, vor Ort Voraussetzungen zu schaffen, damit insbesondere Mittelständler leichter Fuß fassen können. Neben dem Entwicklungsinvestitionsfonds gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die darauf abzielen, das unternehmerische Risiko zu verringern. Dazu zählt unter anderem, dass wir den Selbstbehalt bei Garantien für Investitionen bei geeigneten Projekten von fünf Prozent auf die Hälfte senken.

Wie kann die Bundesregierung konkret deutsche Investitionen in afrikanische Länder fördern und Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung schaffen?

Investitionen zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen, ist Ziel des Investitionsfonds AfricaConnect. Zudem fördern wir regionale Wirtschaftsstandorte und Zukunftsbranchen, indem wir Cluster stärken, die auch für kleine und mittelständische Unternehmen aus Deutschland interessant sein könnten. Als Bundesregierung fördern wir außerdem neue Job- und Ausbildungspartnerschaften mit Unternehmen und Ausbildungsinstitutionen auf dem Kontinent. Zudem unterstützen wir gezielt Fonds, die das Risiko verringern bei nicht-marktgängigen Währungen oder Finanzierungsrisiken.

Prognosen zufolge wird sich die Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent bis 2050 verdoppeln. Ist das Ihrer Ansicht nach ein Grund zur Freude oder zur Sorge?

Beides. Die junge Bevölkerung in Afrika ist eine Chance für eine große wirtschaftliche Dynamik. Diese Bevölkerungsentwicklung stellt uns aber auch vor enorme entwicklungspolitische, migrationspolitische und zunehmend ökologische Herausforderungen.

Marshallplan, Compact with Africa und Co. – in den vergangenen Jahren gab es seitens der Bundesregierung viele Anstöße für eine modernere Afrika-Politik. Was wollen Sie in der laufenden Legislaturperiode unbedingt noch erreichen?

Den G20-Ländern und ihren afrikanischen Partnern ist es gemeinsam gelungen, den Compact with Africa international als Marke und Signal für Reformen zu etablieren. Ausländische Investoren nehmen dieses Signal aufmerksam wahr, wie wir merken. Unter dem Marshallplan leistet Deutschland seinen bilateralen Beitrag für den Compact with Africa. Nun geht es an weitere konkrete Umsetzungsschritte für diese Initiativen. Der Entwicklungsinvestitionsfonds ist ein wichtiger Schritt. Davon versprechen wir uns mehr Investitionen von Europa nach Afrika, mehr afrikanische Firmen, die wachsen und prosperieren, und mehr Jobs, insbesondere für junge Menschen.