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Foto: BMWi / Eriksson

 

„Wir wollen Afrika vom Transferempfänger zum gleichberechtigten Wirtschaftspartner machen“

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, im Gespräch
mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft.


Herr Altmaier, was verbinden Sie mit dem afrikanischen Kontinent?

Afrika ist ein faszinierender, aufstrebender Kontinent mit reichen Kultur- und Naturschätzen und mit Menschen, die ich eine gute Zukunft erhoffen. Die Jugend stellt bereits jetzt die Mehrheit der Bevölkerung. Sie ist aufgeschlossen und bereit, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Diesen Geist wollen wir nutzen und unterstützen. Wir wollen aber nicht nur Entwicklungshilfe leisten, wir wollen ein Partner für die afrikanische Wirtschaft sein. Umgekehrt sehe ich als Wirtschaftsminister, dass Afrika auch zahlreiche Chancen für die deutsche Wirtschaft bietet.

Während der deutschen G20-Präsidentschaft hat die Bundesregierung die Kooperation mit Afrika als Schwerpunkt auf die Tagesordnung gesetzt. Bleibt das auch nach dem Ende der deutschen G20-Präsidentschaft so?

Selbstverständlich. Die Bundeskanzlerin hat das Thema Afrika im vergangenen Jahr auf die nationale und internationale Agenda gesetzt. Auch im Koalitionsvertrag haben wir deutlich gemacht, dass Afrika in den  kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen wird – das betrifft natürlich insbesondere auch den Aufgabenbereich des Bundeswirtschaftsministeriums.

Wir haben uns in der Bundesregierung im vergangenen Sommer auf  Eckpunkte unserer Afrikapolitik verständigt. Wir wollen zum einen die nachhaltige Entwicklung Afrikas mit dem Marshallplan des Bundesentwicklungsministeriums fördern.
Zum anderen – und für mich noch wichtiger – wollen wir mit dem Konzept „Pro! Afrika“ meines Hauses die afrikanischen Länder zum Wirtschaftspartner machen. Mit unserem unternehmensorientierten und praxisnahen Konzept wollen wir Afrika vom Transferempfänger zum gleichberechtigten Partner machen. Wir wollen die Wirtschaftsbeziehungen mit den aufstrebenden Ländern des Kontinents weiter stärken und andere motivieren, voranzukommen. Viele deutsche Unternehmen haben ein großes Interesse daran. Deshalb unterstützen wir die deutsche Wirtschaft dabei, auf den Märkten Afrikas Fuß zu fassen und Arbeitsplätze zu schaffen. Das tun wir über Außenwirtschaftsförderung und die Stärkung unseres Netzes der Auslandshandelskammern (AHKs). Zudem unterstützen wir mit Ausbildungsexperten, sogenannten Skills Experts, deutsche Unternehmen dabei, Fachkräfte vor Ort auszubilden. Außerdem fördern wir Start-ups in Afrika, um innovativen Geschäftsideen Perspektiven zu bieten. Die zweite Start-up Night, die wir am 20. März gemeinsam mit dem Afrika-Verein veranstaltet haben, hat das sehr anschaulich gezeigt.

Die EU steckt jedes Jahr rund 20 Milliarden Euro in Entwicklungshilfe für Afrika. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen bräuchte der Kontinent mindestens das Zehnfache, um wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Wer kann diese Lücke schließen?

Auf dem EU-Afrika Gipfel in Abidjan hat die Europäische Kommission im November 2017 eine Investitionsinitiative auf den Weg gebracht. Damit will sie privates Kapital in Höhe von über 40 Milliarden Euro hebeln. Das ist ein richtiger und wichtiger Schritt.

Bei allem was Deutschland, die EU und andere öffentliche Geber leisten, dürfen wir aber auch die Regierungen vor Ort nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Einige afrikanische Staaten verfügen dank ihres Rohstoffreichtums über beachtliche Mittel, die jedoch häufig nicht im eigenen Land investiert werden. Korruption und politische Instabilität stellen erhebliche Herausforderungen dar, die nur bedingt von außen beeinflusst werden könnten. Private Investitionen, die einen Teil der Lücke schließen könnten, werden mitunter durch fehlende Rechtssicherheit gebremst. Mit dem G20 Compact with Africa setzten wir genau an dieser Stellschraube an: Wir geben den Partnerländern Anreize, durch bessere Rahmenbedingungen mehr private Investitionen zu mobilisieren.

Braucht es möglicherweise ein neues Bild von unserem Nachbarkontinent?

Afrika steht aktuell vor allem beim Thema Flüchtlinge im medialen Fokus. Die Chancen und Potenziale stehen bedauerlicherweise nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Was wir brauchen, ist das Bild der vielen Fortschritte in Afrika: Beispielsweise sind etliche afrikanische Staaten gefestigte Demokratien und stehen mittlerweile auf Technologiestufen, für die Europa Jahrzehnte brauchte. In Afrika werden technische Entwicklungsstufen häufig sogar übersprungen: Mobilebanking war in Afrika beispielsweise bereits weit verbreitet, als es in Deutschland nur Wenige kannten. Das zeigt: Der Kontinent ist sehr dynamisch und steckt voller Chancen. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen, und natürlich Unternehmen, ein differenziertes Bild von Afrika machen. Der Afrika-Verein leistet hier eine hervorragende Arbeit. Er bietet deutschen Unternehmen ein wichtiges Netzwerk und wertvolle Informationen über afrikanische Märkte. Als renommierter Länderverein Deutschlands ist er nicht mehr aus der unternehmerischen Interessensvertretung wegzudenken und ist für die Bundesregierung ein geschätzter Ansprechpartner, wenn es darum geht, die breit gefächerten Interessen und Anliegen der einzelnen Unternehmen wahrzunehmen und zu verstehen.

Wie können Deutschland und Europa dazu beitragen, dass das Wirtschaftswachstum in Afrika mit dem Bevölkerungswachstum standhält?

Vor allem geht es darum, Wertschöpfung vor Ort zu steigern. Verbesserte Rahmenbedingungen für unternehmerisches Engagement spielen hier eine wichtige Rolle – darauf zielt der Compact with Africa. Eine gute berufliche Bildung für die heranwachsende Bevölkerung halte ich für zentral. Deshalb ist es gut, dass dieses Thema im Fokus des EU-Afrika Gipfels im November 2017 stand. Es geht aber auch darum, die Länder Afrikas stärker in die Weltwirtschaft zu integrieren. Mit der Verhandlung der  Wirtschaftspartnerschaftsabkommen, den EPAs, leistet die EU einen wichtigen Beitrag, die Handelsbeziehungen zwischen der EU und den afrikanischen Staaten zukunftsfest zu machen. Auch die Entscheidung
der Afrikanischen Union, eine gesamtafrikanische Freihandelszone einzurichten begrüße ich ausdrücklich. Ich hoffe sehr, dass dieses Vorhaben zügig umgesetzt wird.

2050 werden voraussichtlich 2,5 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent leben. Ist diese Zahl Ihrer Ansicht nach ein Anlass zur Sorge oder sehen Sie darin Potenzial?

Das enorme Bevölkerungswachstum ist für fast alle Länder Afrikas eine große Herausforderung. Damit die wachsende Bevölkerung wirtschaftliche Perspektiven hat, müssen pro Jahr rund 20 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, so der Internationale Währungsfonds. 41 Prozent der afrikanischen Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt; in Europa sind es nur 16 Prozent. Und hier müssen wir ansetzen: Während wir hierzulande über demografischen Wandel und Fachkräftemangel klagen, bieten motivierte, technologieorientierte junge Menschen in Afrika wichtige Voraussetzungen, um Wertschöpfung und Produktivität vor Ort zu steigern. Dafür braucht Afrika starke, gleichberechtigte Partner und Unternehmen, auch aus Deutschland. Als Wirtschaftsminister arbeite ich daran, die Voraussetzungen für unternehmerisches Engagement in Afrika zu verbessern. Das hilft sowohl Afrika als auch deutschen Unternehmen.